Emil Molt über die Schulgründung:

„Der Ursprungsgedanke, der zur Gründung dieser Schule führte, war in erster Linie ein sozialer: den Kindern der Arbeiter und Angestellten die gleiche Erziehung und Ausbildung angedeihen zu lassen, wie den Kindern begüterter Eltern. Lag doch die Einsicht vor, dass die soziale Kluft erst beginnen könne sich zu schließen, wenn die Erziehungsfrage nicht mehr allein vom Geld abhängig sei, und dass unser ganzer kultureller, wirtschaftlicher und politischer Aufstieg überhaupt nur möglich sei, wenn alle Kinder ohne Unterschied des Standes der Eltern an dem gleichen Bildungswesen unserer Zeit hätten teilnehmen können.

In jener Zeit des Umsturzes Ende 1918 bis Anfang 1919 und der allgemeinen Hilflosigkeit konnte ja ein Fortschritt überhaupt nur dann erwartet werden, wenn die soziale Frage primär als eine seelisch-geistige betrachtet und angefasst wurde, was ja auch heute noch gilt.

Viel war in jener Zeit die Rede von der so genannten Einheitsschule. Uns schien es aber wichtiger, statt darüber zu reden, eine solche zu begründen. Ursprünglich war nur an eine Fabrikschule gedacht als Anhang zur Waldorffabrik, deren Werksangehörige in jener Zeit schon eine Art Fortbildungsschule zur Verfügung hatten. Später, als bekannt wurde, dass Rudolf Steiner die pädagogische Leitung der Schule übernommen hatte, kamen noch die Kinder einiger Freunde und Bekannten hinzu, so dass am 7. September 1919 die Schule mit 200 Kindern und ca. 15 Lehrern feierlich eröffnet werde konnte...



Rückschauend kann man wohl sagen: es war ein großes Experiment, Kinder aus allen Schulen, von der untersten Volksschule an, aus Mittelschule, Realschule, Realgymnasium, Gymnasium zusammenzufassen, Buben und Mädel, alle Konfessionen. All dies traf in der Waldorfschule von Anfang an aufeinander, Kinder aus allen Schichten der Bevölkerung. Die Lehrer mussten aus allen Gegenden einzeln zusammengeholt und dann durch Rudolf Steiner vorbereitet werden. Gebäude war keines vorhanden, keine Einrichtung – keine Schulbank – kein Buch. Vorhanden war nur eine ganz bescheidene Summe Geldes für den Anfang. Aus dem reinen Nichts musste die Schule erstehen. Aber als wirkliche Aktiva waren vorhanden: der feste Wille, mitzuhelfen am Aufstieg der Menschheit – und das unschätzbare Glück, Rudolf Steiner gewonnen zu haben als Begründer einer neuen Pädagogik aus seinen geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen heraus.“

 

Die von Rudolf Steiner vertretene Pädagogik sollte, wie er von Anbeginn betont hatte, niemals aus Theorien und Erziehungsmaximen hervorgehen, die von außen an das Kind herangebracht werden, sondern aus der Einsicht in das Menschenwesen selbst, in seine Entwicklungsgesetze und die sich organisch ergebenden Stufen der Wandlung und Entfaltung. Die Inhalte der Pädagogik hat Rudolf Steiner in vielen Vorträgen und Schriften beschrieben. Seinen Vortrag zur Eröffnung der ersten Schule wollen wir hier in Teilen wiedergeben, weil er einige grundlegende Punkte enthält, die auch heute noch Bedeutung für unser tägliches Miteinander in unserer Schule haben.