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Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten in der Gesamtheit entwickeln - das ist ein wesentliches pädagogisches Ziel der Waldorfschule. Damit sind die jungen Menschen den sich wandelnden Anforderungen der Gesellschaft und der spezialisierten Berufswelt eher gewachsen.

Sie will die eigene Inititative fördern und Verantwortung für Mitmenschen und Umwelt wecken und schulen. Die Schüler sollen angeleitet und ermutigt werden, individuell zu urteilen und selbstbestimmt zu handeln.

Musik und Bewegung, Sprache und Sprechen, Bildende Kunst, Handwerk und Technik sind Schwerpunkte, die die Schüler in ihren verschiedenen Aspekten durch ihre gesamte Schulzeit begleiten.

Die Waldorfschule: Wie alles anfing

Die Gründung der Waldorf-Schul-Bewegung geht zurück auf Emil Molt, Direktor und Besitzer der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria in Stuttgart. Dieser aus einfachen Verhältnissen stammende Unternehmer hatte sich in der turbulenten Zeit nach dem 1. Weltkrieg durch zukunftsweisende Initiativen hervorgetan: Er ließ den ersten Betriebsrat wählen und richtete in seinem Unternehmen Arbeiterbildungskurse ein.
Aus ihnen entstand bei den Arbeitern der Wunsch, nun auch für ihre Kinder eine Schule zu bekommen, "in der man so viel Lebendiges erfährt". Molt erkannte, daß seine Arbeiter und vor allem deren Kinder eine Bildung vermissten, die jedem Menschen zusteht.

Emil Molt (1867 -1936) "Ein Unternehmer nützt auf die Dauer seinem eigenen Geschäft nicht, wenn er nur Wirtschafter ist... Ich wollte allen Kindern den Weg zur Bildung öffnen"

Emil Molt bat daraufhin Rudolf Steiner (1861 – 1925), den Begründer der Anthroposophie, die pädagogische Einrichtung der Schule zu übernehmen. Dieser sagte zu, war beratend bei der Zusammenstellung des ersten Lehrerkollegiums tätig und legte mit einem pädagogischen Intensivkurs den geistigen Grundstein der Schule.

 

Emil Molt

(Emil Molt)

Emil Molt schrieb über die Schulgründung:

»Der Ursprungsgedanke, der zur Gründung dieser Schule führte, war in erster Linie ein sozialer: den Kindern der Arbeiter und Angestellten die gleiche Erziehung und Ausbildung angedeihen zu lassen, wie den Kindern begüterter Eltern. Lag doch die Einsicht vor, daß die soziale Kluft erst beginnen könne sich zu schließen, wenn die Erziehungsfrage nicht mehr allein vom Geld abhängig sei, und daß unser ganzer kultureller, wirtschaftlicher und politischer Aufstieg überhaupt nur möglich sei, wenn alle Kinder ohne Unterschied des Standes der Eltern an dem gleichen Bildungswesen unserer Zeit hätten teilnehmen können.

In jener Zeit des Umsturzes Ende 1918 bis Anfang 1919 und der allgemeinen Hilflosigkeit konnte ja ein Fortschritt überhaupt nur dann erwartet werden, wenn die soziale Frage primär als eine seelisch-geistige betrachtet und angefaßt wurde, was ja auch heute noch gilt.

Viel war in jener Zeit die Rede von der sogenannten Einheitsschule. Uns schien es aber wichtiger, statt darüber zu reden, eine solche zu begründen. Ursprünglich war nur an eine Fabrikschule gedacht als Anhang zur Waldorffabrik, deren Werksangehörige in jener Zeit schon eine Art Fortbildungsschule zur Verfügung hatten. Später, als bekannt wurde, daß Rudolf Steiner die pädagogische Leitung der Schule übernommen hatte, kamen noch die Kinder einiger Freunde und Bekannten hinzu, so daß am 7. September 1919 die Schule mit 200 Kindern und ca. 15 Lehrern feierlich eröffnet werde konnte...

Rückschauend kann man wohl sagen: es war ein großes Experiment, Kinder aus allen Schulen, von der untersten Volksschule an, aus Mittelschule, Realschule, Realgymnasium, Gymnasium zusammenzufassen, Buben und Mädel, alle Konfessionen. All dies traf in der Waldorfschule von Anfang an aufeinander, Kinder aus allen Schichten der Bevölkerung. Die Lehrer mußten aus allen Gegenden einzeln zusammengeholt und dann durch Rudolf Steiner vorbereitet werden. Gebäude war keines vorhanden, keine Einrichtung - keine Schulbank - kein Buch. Vorhanden war nur eine ganz bescheidene Summe Geldes für den Anfang. Aus dem reinen Nichts mußte die Schule erstehen. Aber als wirkliche Aktiva waren vorhanden: der feste Wille, mitzuhelfen am Aufstieg der Menschheit - und das unschätzbare Glück, Rudolf Steiner gewonnen zu haben als Begründer einer neuen Pädagogik aus seinen geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen heraus.«

Die von Rudolf Steiner vertretene Pädagogik sollte, wie er von Anbeginn betont hatte, niemals aus Theorien und Erziehungsmaximen hervorgehen, die von außen an das Kind herangebracht werden, sondern aus der Einsicht in das Menschenwesen selbst, seine Entwicklungsgesetze und die sich organisch ergebenden Stufen der Wandlung und Entfaltung. Die Inhalte der Pädogik hat Rudolf Steiner in vielen Vorträgen und Schriften beschrieben. Sie sollen nicht Bestandteil dieses Wegweisers sein. Aber seinen Vortrag zur Eröffnung der ersten Schule wollen wir hier wiedergeben, weil er einige grundlegende Punkte enthält, die auch heute noch Bedeutung für unser tägliches Miteinander in unserer Schule haben.

Rudolf Steiner: Eröffnungsansprache

»Aus den Worten des Herrn Molt werden Sie haben entnehmen können, aus welchem Geiste heraus er die Initiative ergriffen hat zur Begründung dieser seiner Waldorfschule. Sie werden aus seinen Worten heraus vernommen haben, daß diese Gründung nicht irgendeiner alltäglichen Absicht entsprungen ist, sondern dem Rufe, der so klar heraustönt aus der Entwicklung der Menschheit gerade in unserer Zeit und der doch so wenig vernommen wird. Indem aus dieser Entwicklung der Menschheit heraustönt vieles, das eingefaßt werden kann in den Rahmen des sozialen Gestaltens der Menschheitsgeschichte, des sozialen Neuaufbaues, liegt auch etwas in diesem Rufe, das nicht überhört werden darf: es liegt in ihm vor allen Dingen die Erziehungsfrage. Und man kann überzeugt sein, daß nur diejenigen den Ruf nach sozialer Neugestaltung richtig hören in dem verwirrenden Chaos von Forderungen der Gegenwart, die seine Wirkung bis in die Erziehungsfragen hinein verfolgen...

Für mich ... war es eine heilige Pflicht, dasjenige, was in den Absichten  ... bezüglich der Gründung der Waldorfschule lag, so aufzunehmen, daß diese Schule herausgestaltet werden könne aus dem, was man glauben darf, in der Gegenwart durch die Geisteswissenschaft gewonnen zu haben. Es soll diese Schule wirklich hineingestellt werden in das, was gerade in unserer Gegenwart und für die nächste Zukunft von der Entwicklung der Menschheit gefordert wird.«

Rudolf Steiner 1906

Er schilderte ausführlich die dreifache große Aufgabe des Erziehers, im heranwachsenden Menschen zu erwecken »eine lebendig werdende Wissenschaft, eine lebendig werdende Kunst, eine lebendig werdende Religion«. Die Waldorfschule sollte in dieser Richtung den ersten mutigen Schritt unternehmen:

»Die Überzeugung, daß der Ruf, der aus der Entwicklung der Menschheit heraustönt, für unsere gegenwärtige Zelt einen neuen Geist fordert und daß wir diesen neuen Geist vor allen Dingen in das Erziehungswesen hineintragen müssen, diese Überzeugung ist es, die den Bestrebungen dieser Waldorfschule, die ein Musterbeispiel sein sollte nach dieser Richtung hin, zugrunde liegt.«

Er ging dann auf die wesentlichen Erziehungsgrundsätze ein, die in der Schule verwirklicht werden sollten, und sprach auch klar aus, was nicht beabsichtigt sei:

»So ... möchten wir aus einem neuen Geiste heraus diese Waldorfschule gestalten. Und Sie werden auch bemerkt haben, was diese nicht werden soll. Jedenfalls soll sie nicht werden eine Weltanschauungsschule. Derjenige, der da sagen wird, die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gründe die Waldorfschule und wolle nun ihre Weltanschauung hineintragen in diese Schule - ich sage das jetzt am Eröffnungstage -, der wird nicht die Wahrheit sprechen. Uns liegt gar nichts daran, unsere »Dogmen«, unsere Prinzipien, den Inhalt unserer Weltanschauung dem werdenden Menschen beizubringen. Wir streben nicht danach, eine dogmatische Erziehung zu bewirken. Wir streben danach, daß dasjenige, was wir haben gewinnen können durch die Geisteswissenschaft, lebendige Erziehungstat werde ...

Ihnen, die Sie die Eltern der Kinder sind, die als erste in diese Schule hineingeschickt werden, Ihnen darf es gesagt werden, daß Sie nicht nur Pioniere sind für eine menschliche persönliche Absicht, sondern für eine Kulturforderung unserer Zeit und daß Sie, was jetzt geschehen soll in bezug auf die Waldorfschule, nur richtig auffassen werden, wenn Sie sich als solche Pioniere fühlen ...

Indem wir die Grundlage und den Quell für das Erziehungswesen in dem ganzen Menschenwesen suchen und durch das ganze Menschenwesen auszubilden versuchen werden, möchten wir die erzieherische soziale Frage hineinstellen in die gesamte soziale Frage unserer Zeit. -

Einheitsschule - so sagt unsere Zeit. An keine andere als eine Einheitsschule wird diejenige Erziehungs- und Unterrichtskunst herantreten, die so, wie es angedeutet wurde, aus dem ganzen Menschenwesen heraus ihr Können schöpfen will. Soll die Menschheit künftig sozial gerecht leben können, dann wird sie zunächst sozial richtig ihre Kinder erziehen müssen. Daß das der Fall sein könne, dazu möchten wir ein Kleines beitragen durch die Waldorfschule.

Möge das, was wir vielleicht nur teilweise erreichen werden, wenn wir auch das beste Wollen haben, seine Kraft nicht schon in unserem schwachen Versuch erschöpfen. Möge es Nachfolger finden! Denn wir haben die Überzeugung: der schwache Versuch kann vielleicht durch Gegnerschaft und Unverstand scheitern; dasjenige aber, was als Kern in dieser Bestrebung liegt, es muß Nachfolge finden. Denn wenn in das Bewußtsein der ganzen Menschheit eine echte soziale Erziehungs- und Unterrichtskunst einzieht, dann wird im ganzen sozialen Leben die Schule in der richtigen Weise drinnenstehen.

Möge ein Kleines zu diesem großen Ziele die Waldorfschule beitragen können.«

(Nach Guenther Wachsmuth: Rudolf Steiners Erdenleben und Wirken, Dornach 1964.  www.antroposophie-de.com)  

 

 

 


 

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